Dabei sein, wenn die Muse küsst

07.02.11 | 16:50 Uhr An dem großen Schaufenster in der Mainzer Innenstadt gehen viele Leute einfach vorbei. Doch dann und wann bleiben einige der Passanten plötzlich stehen, sehen lange verdutzt durch die Glasscheibe. Hinter der Scheibe sitzt ein Mann mit langen Haaren und weitem Strickpulli an einem Laptop.

Dabei sein, wenn die Muse küsst: An dem großen Schaufenster in der Mainzer Innenstadt gehen viele Leute einfach vorbei. Doch dann und wann bleiben einige der Passanten plötzlich stehen, sehen lange verdutzt durch die Glasscheibe. Hinter der Scheibe sitzt ein Mann mit langen Haaren und weitem Strickpulli an einem Laptop.

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Mainz (dapd-rps). Der 37-jährige Marcus Becker hat zum Abschluss seines ersten Romans ‘Seelenmusik’ das Schaufenster des Mainzer Kunstvereins Walpodenakademie bezogen. Beim Kunstprojekt ‘Schrift stellen’ macht er sein Schaffen öffentlich.

‘Ich wollte kein Klischee-Schriftsteller sein, der nur im stillen Kämmerlein brütet’, sagt Becker. Nun sitzt er mittags in der Auslage, drei Tage die Woche für jeweils drei Stunden. Ein Projektor wirft das, was Marcus Becker auf dem Bildschirm schreibt, auf eine große Leinwand im Schaufenster. ‘Live dabei sein, wenn die Muse küsst’ steht auf einem Plakat. Die Leute sind eingeladen, durch die Ladentür zu kommen und mit dem Autor ein Gespräch anzufangen. Kritik und Anregungen sind willkommen. Besucher können aber auch einen Kaffee trinken, einfach nur dasitzen, seine Texte lesen. ‘Sie dürfen auch hier Essen kochen, wenn ich dann etwas abbekomme’, schmunzelt der Autor.

Ihn habe diese Form der Öffentlichkeit gereizt, sagt Becker. Die Idee hatte der gebürtige Mainzer vor etwa zwei Jahren in einem Essener Kunstprojekt entwickelt. ‘Das war aber damals einfach nur ein Raum, wo jeder hineinkonnte.’ Das Schaufenster ermögliche es nun, auch mit Blicken und Gesten zu kommunizieren. Wenn jemand interessiert wirkt, winkt ihm Becker manchmal zu. ‘Die allermeisten der Leute trauen sich aber nicht hinein’, betont Becker.

Vor allem die Männer scheuten offenbar den direkten Kontakt. Allein bleibt Becker aber so gut wie nie, was auch daran liegt, dass Bekannte oder Künstler im Umfeld des Vereins vorbeischauen. An diesem Tag ist eine befreundete Journalistin da, die seinen Text unter die Lupe nimmt – sie schaue aber naturgemäß eher auf den sprachlichen Ausdruck, nicht den Inhalt, sagt Becker.

Die Künstler des Mainzer Vereins lassen sich auch von ‘Seelenmusik’ inspirieren. Sie entwerfen Musik und Bilder und veranstalten Kunstabende zur noch unvollendeten Geschichte. In seinem Buch erzählt Becker das Leben eines Jungen, für den Musik große Bedeutung hat. Der Halbwaise verliert sein Gehör und muss sich Geräusche und Melodien mit den verbleibenden Sinnen – etwa durch Ertasten ihrer Schwingungen – zurückerobern.

Angst vor einer Schreibblockade hat Becker, der sein Geld mit Erlebnis-Pädagogik für Kinder verdient, nicht. Seinen Vorsatz, an jedem Tag im Fenster ein weiteres Kapitel abzuschließen, konnte er bislang erfüllen. ‘Das Buch will aus mir raus, es läuft einfach’, sagt er. Seit Anfang des Jahres schreibt er in der Mainzer Innenstadt. Ende März soll das Werk fertig sein. Bis dahin werden wohl noch viele Fußgänger an dem Schaufenster stehen bleiben – und manche ihren ganzen Mut zusammen nehmen und den Mann im Fenster besuchen.


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