In der Walpodenakademie bekommt die Sprache eine Seele

  • Bei ihr sprechen nicht nur die Hände Bände: Barbara Rott mit Gebärdenpoesie zum Roman “seelenmusik”. (Foto: Julia Rau)
  • Bild 2/2 | Im Spiel mit dem Feuer: Nadine Rehm zeigt beim Künstler-Meeting in der Walpodenakademie einen Feuertanz. Fotos: Julia Rau (Foto: Julia Rau)

“Zum Auftakt meiner Schreibaktion im Schaufenster wollte ich etwas ganz Besonderes organisieren und habe verschiedene Künstler gefragt, ob sie dabei mitmachen”, berichtet Marcus Becker. Das ist ihm ohne Zweifel gelungen, wie der Andrang bereits zu Beginn um 17 Uhr zeigt, als zur Musik der “Audio-Aktivisten” gemalt wird. Passend zum Romantitel “seelenmusik” übernehmen danach die “Seelenmusikanten” die musikalische Unterhaltung in der Galerie, über deren Wände psychedelisch-bunte Projektionen wandern.

Marcus Becker lässt sich beim Schreiben gerne über die Schulter und auf den Bildschirm schauen: “Das öffentliche Schreiben in dieser speziellen Form ist auch für mich ein spannender Prozess, ich freue mich sehr auf die Reaktionen der Leute.” Der Autor wurde 2009 auf das Projekt “Schrift stellen” in Essen aufmerksam, wo im Unperfekthaus Kunst und Kultur der Öffentlichkeit direkt zugänglich ist – dort verfasste der Mainzer in einem halben Jahr drei Textteile mit ungefähr 70 Kapiteln. Es geht um einen Jungen in den 50er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, der fasziniert ist von Musik – gegen den Willen seines Vaters, was zur Auseinandersetzung und schließlich zur Ertaubung des Jungen führt. Aber auch zur Erfahrung, dass Musik nicht nur gehört, sondern körperlich gefühlt werden kann – und zur Suche nach der ganz eigenen “Seelenmusik”.

Im Januar können Interessierte Becker dreimal wöchentlich beim Schreiben zuschauen: Der Text wird nicht nur auf die Wand, sondern auch auf die Schaufensterscheibe nach draußen projiziert. Außerdem ist die Walpodenakademie geöffnet und lädt dazu ein, das Projekt – außer auf der Internetseite www.schriftstellen.net – in Echtzeit zu verfolgen – und mit dem Verfasser zu plaudern.

“Weil es so gut zum Thema passt, freue ich mich ganz besonders, dass Barbara Rott uns ihre Gebärdenpoesie zeigt”, erzählt Becker, der die Buchidee auf einer Urlaubsfahrt in Hessen hatte. Die junge Frau ist gehörlos und steht das erste Mal auf einer (Mini-)Bühne. Mit ganzem Körpereinsatz gibt sie den Kampf zwischen Vater und Sohn wieder – und beeindruckt das Publikum so sehr, dass eine kurzweilige Improvisation zum Thema “Liebe” folgt. Danach gehen die Hände hoch und werden schnell gedreht – in Rotts Sprache das Zeichen für Applaus, wie Becker vorher erklärt. Gehörlose und Hörende verfolgen später den eleganten Feuertanz von Nadine Rehm mit Fackeln, Ketten und Stäben. Vor ihrem Auftritt greift Becker noch schnell zum Besen, um die Asphalt-Tanzfläche besser bespielbar zu machen. Das geschmeidige Spiel mit dem Feuer beherrscht Rehm souverän, was auch der wachsenden Menge von Passanten gefällt. Und ein Wunder geschieht: Keiner der Autofahrer, die aufgrund der Vorführung ihren Weg anders planen und wenden müssen, beschwert sich, noch nicht einmal eine Hupe ertönt. Der seelenvolle Kunstzauber wirkt offensichtlich – ein schöner Auftakt für ein ungewöhnliches Buch.

Caroline Eva Gerner

  • Bild 1/2 | Bei ihr sprechen nicht nur die Hände Bände: Barbara Rott mit Gebärdenpoesie zum Roman “seelenmusik”. (Foto: Julia Rau)
  • Im Spiel mit dem Feuer: Nadine Rehm zeigt beim Künstler-Meeting in der Walpodenakademie einen Feuertanz. Fotos: Julia Rau (Foto: Julia Rau)

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