Kräutertee und Seelenmusik

10.01.2011 – MAINZ

Von Nicole Weisheit-Zenz

AUTOR Marcus Becker schreibt im Schaufenster der Walpoden-Akademie

Absolute Ruhe, einen aufgeräumten Schreibtisch und einen Kräutertee – das ist es gerade nicht, was Marcus Becker zum Arbeiten braucht. Zum kreativen Schreiben lässt er sich anregen durch Musik und Leute um sich herum. Bei einem in Mainz bislang einmaligen Kunstprojekt sitzt der Autor mit seinem Laptop im Schaufenster der Walpoden-Akademie und schreibt öffentlich. Die Zuschauer können ihn beobachten und mittels Projektion an die Scheiben und in den Raum live verfolgen, wie sein Roman „Seelenmusik“ allmählich Form annimmt. Außerdem gibt es Aushänge mit Passagen aus fertiggestellten Kapiteln wie „Die Geburt“ oder „Der Alltag“.

Drei Teile seines Erstlingswerkes entstanden 2009 im Rahmen des Projekts „Schrift stellen“ in Essen, wo ihm das „Unperfekthaus” Raum zum Experimentieren bot. Hauptfigur in Beckers Roman ist Peter, der Ende der vierziger Jahre in Essen geboren wird. Wegen eines tragischen Ereignisses wird ihm vom alleinerziehenden Vater Musik lange vorenthalten – für die er jedoch heimlich eine besondere Leidenschaft und Gabe entwickelt. Durch einen Schlag wird er taub, kann sich aber eine neue Form von Gehör erarbeiten und Musik mit anderen Sinnen erfassen. Er entwickelt neue Klangbilder und versucht die Seele der Menschen hörbar zu machen.

Bei einem Kunst-Meeting, inspiriert vom unvollendeten Roman, wurde die „Seelenmusik“ in verschiedene Ausdrucksformen übertragen. Für die Auftaktveranstaltung zum öffentlichen Fortschreiben hatte Marcus Becker langjährige Wegbegleiter eingeladen, die ihre eigenen Interpretationen des Buchthemas präsentierten. Mit schnellen Strichen, Linien und Punkten entstanden Slavica Dretvics Energiezeichnungen aus dem Unterbewusstsein. Tine Günther trug großflächig graue und weiße Farbe auf Leinwand auf und setzte leuchtende Akzente in gelb und orange. Daniela Hery fertigte eine Art Webrahmen, um ein zerschnittenes Ölbild zu den vier Elementen wieder neu zusammenzusetzen. „henrikrebel“ überraschte die Zuschauer bei einer Performance mit Kleidung und Zigarette, Barbara Rott verzauberte mit Gebärdenpoesie. Die Band Daniel & die Seelenmusikanten hatte sich eigens für den Abend gegründet, Nadine Rehm beeindruckte mit einem Feuertanz. Außerdem traten Ernesto & Friends, die Audio-Aktivisten und Gesine Otto mit einer Lesung auf.

„Ich freue mich über die vielfältige Inspiration, um wieder ins Schreiben reinzukommen“, meinte Marcus Becker, der seinen Gästen leckere Buchstaben auf einem Silbertablett servierte. Bis Ende März wird er Dienstags bis Donnerstags zwischen 10 und 13 Uhr im Schaufenster der Walpoden-Akademie in der Neubrunnenstraße 8 in die Tasten hauen oder über Formulierungen und die Entwicklung von Figuren grübeln. „Jeder ist eingeladen, mein Geschreibsel durchzulesen und mit mir ins Gespräch zu kommen“, betont er und verrät: „Die Story habe ich schon weitgehend im Kopf, doch bisher gibt es sechs mögliche Enden.“

Öffentlicher geht es kaum: Autor Marcus Becker schreibt im  Schaufenster der Walpoden-Akademie an seinem Roman „Seelenmusik“.	Foto  hbz/ Stefan Sämmer:

Öffentlicher geht es kaum: Autor Marcus Becker schreibt im Schaufenster der Walpoden-Akademie an seinem Roman „Seelenmusik“. Foto hbz/ Stefan Sämmer:


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