Schriftsteller Marcus Becker wird drei Monate lang im Hotel Méridien öffentlich an einem neuen Roman arbeiten. Projektionen seiner Arbeit inklusive.

30.03.2016 | 18:22 | Von Teresa Schaur-Wünsch (Die Presse)
Leicht ausgeleiertes T-Shirt, gestreiftes Fischerhemd, Haare, die ihm bis über die Schultern wachsen. Marcus Becker sieht nicht so aus, als wäre ausgerechnet eine Champagnerbar seine natürliche Umgebung. Nun wird sie es doch: In den kommenden drei Monaten wird Becker im Le Moët im Hotel Le Méridien seinen nächsten Roman schreiben.
Dabei hätte er auch vom Philogreissler das Angebot gehabt, dort seinen öffentlichen Arbeitsplatz einzurichten. Das, meint Becker, hätte auf den ersten Blick vielleicht besser gepasst. Aber es wäre eben wohl auch zu naheliegend gewesen. „Dort hätte ich gewusst, dass es funktioniert.“ So habe er durchaus Bedenken gehabt: „Gehöre ich da hinein? Passe ich da hin?“ Eben deshalb entschied er sich letztlich fürs Moët. „Weil es eine Herausforderung ist.“

So wird er nun ab Freitag drei Monate lang vier Tage pro Woche in der Champagnerbar sitzen. Schreiben. Und schauen, was sich dabei an Kommunikation ergibt. Dabei wird auch seine Arbeit ganz unmittelbar sichtbar gemacht: Das Geschriebene wird im Lokal an eine Wand und über ein Fenster zur Ringstraße auch nach außen hin projiziert. Es ist dabei nicht das erste Mal, dass Becker zum gläsernen Autor wird. Sein Erstlingsroman, „Seelenmusik“, ist im Schaufenster einer Galerie entstanden. Dort, erzählt Becker, sei zwar er in der Auslage gesessen – die Perspektive habe sich aber schnell umgekehrt, er selbst sei zum Beobachter der vorbeiziehenden Welt auf der Straße geworden.

Beim Feilen verfolgen
Die Idee, der Schriftstellerei wie anderen Künsten eine Bühne zu geben, hat der gebürtige Mainzer aus Essen, aus dem dortigen „Unperfekthaus“, in dem Künstler alles tun dürfen – vorausgesetzt, es ist legal und öffentlich. Auch die Idee des Unperfekten gefällt dem 42-Jährigen bis heute: „Dass man in einer immer perfekteren Welt einfach einmal etwas nur ausprobieren darf.“ So soll man ihn beim Feilen am Text verfolgen können – und sich gern einmischen dürfen. Sollte die Ablenkung zu groß sein, meint Becker, gebe es als letzte Instanz immer noch das Lektorat. Unperfekt passt vielleicht auch für das Schaffen Beckers, dessen erstes 960-Seiten-Werk über einen Synästheten, der Klänge mit Farben, Formen und Landschaften verbindet, monumental ausgefallen – darob bis dato aber noch unveröffentlicht ist.
Aber eigentlich hat Becker ja auch einen anderen Beruf: Er ist Diplompädagoge und Coach und betreibt mit seiner Lebenspartnerin in Deutschland eine Sozialagentur, mit der er Jugendprojekte etwa in Gefängnissen oder im Fußball betreut. Projekte, die sowohl „die finanzielle Basis sichern als auch Herzblut bedeuten“. So trainiert er Fußballtrainer in Elternarbeit oder im Umgang mit der Mannschaft, begleitet Jugendliche durch ihr freiwilliges soziales Jahr oder forscht mit seiner Partnerin, einer Mediatorin, in Verbänden und Vereinen nach Kommunikations- und Strukturproblemen.
Über den Fußball hat es ihn auch nach Wien verschlagen. Seit der Euro 2008 war er jedes Jahr hier, und als er mit seiner Familie für ein Sabbatical ins Ausland wollte, genau genommen in deutschsprachiges Ausland in Form einer Großstadt, sei nur Wien infrage gekommen. Nun sind die zwei geplanten Jahre um, die Familie lebt immer noch hier. Also, befand Becker, sei die Zeit gekommen, um auch hier öffentlich als Schriftsteller in Aktion zu treten. Zum Auftakt wollte er das gestern Abend im Rahmen einer Vernissage machen, bei der verschiedene Künstlern seine Worte in ihre jeweilige Kunstform übersetzen wollten. Weitere solcher Kunstmeetings sind geplant.

Der Plot für „Die Lebensformel“ steht im Übrigen bereits: Zwei angehende Wissenschaftler, Walter und Gruber, schmieden darin in einer feucht-fröhlichen Nacht den Plan, die Formel des Lebens herauszufinden. Angesiedelt ist das Ganze in Wien. Und ein Ziel hat Becker auch: sich kürzer zu halten als beim letzten Mal.

ZUR PERSON
Marcus Becker (42) stammt aus Mainz und betreibt eine Sozialagentur. Er lebt in Wien und schreibt ab 1. April als „gläserner Autor“ einen Roman: mittwochs bis samstags von 14 bis 18 Uhr, Le Moët, Opernring 13–15 (mit zwei Wochen Pause ab Pfingsten). Gestern Abend wurde zur Vernissage geladen. Dabei wurden seine Worte u. a. in Schauspiel, Musik und eine Fotoperformance „übersetzt“.
(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 31.03.2016)


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