Ehrlich währt am längsten?

Er war dort angekommen, wo er schon immer hin wollte. Er war stolz auf das, was er geschafft hatte, denn er musste sich gegen die Überzeugung seiner Mutter, eigentlich seiner ganzen Familie, vor allem aber gegen die seines Vaters durchsetzen. Der war Zeit seines Lebens ein hart arbeitender Mann gewesen, die Schwielen an seinen Händen gaben ein Zeugnis davon ab. Morgens früh raus, bei Wind und Wetter, immer in den gleichen Klamotten, immer in den gleichen Schuhen. Und wenn die Klamotten oder die Schuhe kaputt waren, dann wurden sie geflickt. Und wenn sie sich nicht mehr Flicken lassen wollten, dann – und zwar nur dann – wurde Geld in eine neue Hose oder ein neues Paar Schuhe investiert. Seine Eltern hatten sich verbogen, ihre Bedürfnisse zurückgeschraubt, damit er aufs Gymnasium gehen konnte. Denn begabt war er. Und intelligent. Sagten sowohl die Tests als auch die Erzieherinnen. Also war er der erste seiner Familie, der den geistigen Höhenflug wagte. Insofern war es gar nicht so überraschend, dass seine Familie mit seiner Karriere nichts anfangen konnte.

 

Er blickte auf von dem Familienfoto, das obligatorisch golden gerahmt seinen Schreibtisch schmückte. Er lehnte sich zurück und versuchte sich genauer an sie zu erinnern. An ihr Lachen, an ihre Stimmen, an ihre Gerüche und an ihre Ratschläge. „Das sind auch Schläge!“ ,dieser Ausspruch seiner Mutter kam ihm in den Sinn, ein leichtes Schnaufen entwich seiner Nase, verbunden mit einem sanftem Kopfnicken und einem Mundwinkel, der sich nach unten verbog. Wann hatte er sie zuletzt gesehen? War das nicht vielleicht sogar an diesem Fototermin gewesen?

 

Er legte den Rahmen aus der Hand und lehnte sich noch einmal zurück. Vielleicht sogar ein letztes Mal, zumindest in diesem Stuhl. Aber ganz sicher in diesem Büro. Gleich würde das alles hier enden, er würde sich erheben, sein Sacko überziehen, den Stuhl beischieben, zur Tür schreiten, einen letzten Blick zurück in sein altes Leben werfen, den Lichtschalter betätigen und vor die Presse treten. Nein, vorher würde er seinem Kontrahenten noch gratulieren. Eine letzte große Geste der Fairness.

 

Doch wie war es dazu gekommen? Was ist eigentlich passiert in den letzten Tagen und vor allem, wie konnte es passieren?

 

Er war mitten im Wahlkampf. Er hatte seine alte Parole „Lass den Mensch einfach Mensch sein“ entgegen der Meinungen seiner Berater wieder aufleben lassen. Sie stammte aus seiner ersten Kampagne, als er noch volleres und ungefärbtes Haar besaß und als sein Idealismus noch die Triebfeder seines Handelns war. Jung, dynamisch, visionär. Eine Beschreibung wie aus einem klischeehaften Hollywood-Film. Und er war damals dieses fleischgewordene Hollywood. Er marschierte auf einer steil nach oben zeigenden Kurve direkt in das Rathaus hinein und konnte sich dort sogar halten, was viele nicht für möglich gehalten hatten – nicht nur seine Eltern übrigens.

 

Aber er war schlau. Und ein Stratege durch und durch. Er wusste ganz genau, wem er zu welchem Zeitpunkt die Hand schütteln musste. Er hatte sich damals für die Partei entschieden, die seiner Meinung nach einen schnellen Aufstieg zuließ. Die vertretenen Inhalte oder Programme waren dabei nur zweitrangig, die konnte er nach und nach mit seinen Ansichten und Sprüchen füllen. Gezielte Provokation an angebrachter Stelle, stets ein weißes Grinsen über dem weißen Hemd, nach Wahrheit klingende Sprüche und ein selbstbewusstes, aber nicht arrogantes Auftreten. Mit diesen Attributen des Erfolgs konnte er sich neben der Karriere auch die entsprechende Frau angeln, ein weiteres Mosaikstück in seiner perfekt ausgetüftelten Welt. Kinder waren dann auch bald unterwegs und aus dem jungen dynamischen Hinterbänkler wurde ein arrivierter und angesehener Politiker an vorderster Front. Offiziell immer ein offenes Ohr für die Wähler und Wählerinnen, doch eigentlich mehr am Puls der Zeit, um daraus wiederum Kapital schlagen zu können.

 

Alles lief gut. Seinen Beruf brauchte er gar nicht mehr auszuüben, die Politik und die Verpflichtungen, die sie eben so mit sich brachte, langten völlig aus. Er baute seine Machtzentrale aus, scharte Berater um sich, nahm Ämter an, machte sich unentbehrlich. Und stieg in der internen Hierarchie immer weiter auf. Ein Fall ins bodenlose, nur in die umgekehrte Richtung. Seine Welt war perfekt, sie war so, wie er sie sich ausgemalt hatte, damals, als seine Eltern sich stritten, weil Vater zu wenig Geld mit nach Hause brachte und Mutter davon zu viel ausgab. Da hatte er sich vorgenommen, dass dies sein Leben nicht sein wird. Dass bei ihm die Dinge anders laufen.

 

Das taten sie nun. In den Umfragen lag er immer noch vorne, zumindest bis vorgestern, bis diese Fotos auftauchten. Er investierte viel Zeit, Geld und Beziehungen in seine Wiederwahl und die Chancen standen nicht schlecht. Er hatte gegen sein altes Ich zu kämpfen, gegen einen jungen, unverbrauchten und idealistischen Gegenkandidat, den er selbst insgeheim bewunderte. Denn er kaufte ihm sein Image ab, so wie man ihm sein Image damals abgenommen hatte. Und nur er wusste, dass das damals alles nur Fassade war, dass es ihm um andere Werte ging als dem Volk zu dienen. Aber dieser junge Oppositionelle, der war glaubwürdig, der hatte Power und wollte etwas bewegen.

 

Natürlich wollte er das auch, jedoch war das gar nicht mehr so einfach wie damals. Die Netzwerke und die mit der Zeit sich anhäufenden Verbündeten forderten ihre Dankbarkeit, ihren Tribut ein und die Diplomatie wurde immer enger und undurchsichtiger. Er hatte alles unter Kontrolle, hier und da mal ein gutes Wort, einen Gefallen oder ein Entgegenkommen. Und wenn gar nichts mehr ging, half immer noch der Weg zur Bank und das Präsent eines kleinen Koffers oder eines anderen Behälters mit bedruckten Papierscheinen als Inhalt. Doch das war wirklich nur der allerletzte Ausweg, es widerte ihn insgeheim an und er wollte es bis zuletzt auf anderen Wegen umgehen. Aber das war manchmal nicht möglich, die kleinen Scheine jedoch bewirkten etwas. Und es lief immer unproblematisch und diskret ab, weshalb er dadurch nicht unbedingt zufriedener wurde, die Methode aber als notwendiges letztes Übel doch akzeptieren lernte.

 

Er selbst war auch nie persönlich involviert, dafür hatte man ja „seine Leute“. Mit diesen Leuten kam er auch nie in Kontakt, sie wurden von Menschen instruiert, die wiederum in Kontakt mit seinen Beratern standen. Eine Kette der Anonymität, die ihm Unannehmlichkeiten vom Hals hielt und nur schwer zurückzuverfolgen war. Und die funktionierte.

 

Jedenfalls bis vorgestern: Es war das erste Rededuell in der Stadthalle. Er war gut vorbereitet, fühlte sich der Situation gewachsen und durfte währenddessen feststellen, dass sein Gegenüber ebenfalls sein Handwerk verstand. Er fühlte sich darin bestätigt, dass ein Politiker vornehmlich über rhetorische Fähigkeiten und Überzeugungskraft verfügen muss denn über visionäre Ideen. Handwerk vor Wissenschaft. Und nur die Großen verstanden es, beides zu verbinden. Oder konnten beides in sich vereinen, je nach Blickwinkel.

 

Doch sein Gegner besaß mehr als ein Fingerspitzengefühl für die Redekunst. Er hatte jene Argumente auf seiner Seite, die für einen Wechsel standen. Diese Frische, die ein Neubeginn im Schlepptau mit sich führt. Eine Unverbrauchtheit, deren Jungfräulichkeit anziehend wirkt. Einen Ausdruck von Stärke, der Berge versetzen kann. Und eine Überzeugungskraft, die vor Wahrheit nur so strotzt. Alles, was ihm selbst abhanden gekommen war.

 

Es war ein anstrengender Abend und er hätte gerne gesagt, dass die Debatte unentschieden oder mit leichten „gefühlten“ Vorteilen auf seiner Seite ausging, was ihm natürlich seine Berater und auch die Medien am nächsten Morgen bestätigen sollten. Trotzdem, es war kein Sieg, es war kein klarer Unterschied festzustellen zwischen dem Bestehenden und dem Aufstrebenden. Und allein das war schon wieder eine Niederlage. Er war gerade allein, hatte sich das Hemd aufgeknöpft, den Schlips gelockert und sich einen weiteren Kaffee eingegossen, als das Telefon klingelte und eine altbekannte, aber schon fast vergessene Stimme sich meldete.

 

Sie wäre gerade für ein paar Tage in der Stadt, sie hätten sich ja schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen, was er so machen würde, ob er Zeit hätte und ob sie sich nicht auf ein Bierchen treffen wollten. Er war überrascht, aus seinen Gedanken gerissen und hielt es dennoch für eine gute Idee. Abwechslung. Mal über etwas anderes reden. Privat sein. Spaß haben. Sie wusste gar nicht, dass Wahlen anstanden und war deshalb umso erfreuter, dass er sich mit ihr treffen wollte. Also verabredeten sie sich für den nächsten Abend, da konnte er früher von der Eröffnung des Vereinshauses der Schachfreunde „Matt in drei Zügen e.V.“ gehen, dann müsse die Presse eben am Anfang kommen, dass ließe sich schon irgendwie arrangieren.

 

Er war beschwingt, von Leichtigkeit erfüllt. Das erwischte ihn mit der Wucht eines überraschend aufkommenden Orkans, denn er hatte dieses Gefühl schon lange nicht mehr gespürt. Seine Berater und Wahlhelfer wunderten sich über seine Laune und witterten dahinter einen genialen Winkelzug, der ihm gekommen sein mochte. Und waren dadurch selbst gut drauf. Der Tag verlief glänzend, die Termine vergingen wie im Flug und er machte sich auf zu seinem Treffpunkt.

 

Und da stand sie. Sie hatte sich kaum verändert, sah immer noch großartig aus, sogar reifer, femininer als früher in der Schulzeit. Sie hatten wirklich schon lange keinen tiefsinnigeren und über Geburtstagsmails oder Klassentreffen hinausgehenden Kontakt mehr und demzufolge einiges aufzuholen. Sie trafen sich in einem Vorort, in einer Bar eines ihm vertrauten Hotels, in dem er manchmal mit eifrigen Praktikantinnen verschwunden war und welches ihm bislang immer ein höchstes Maß an Diskretion bot. So auch an jenem Abend, die Bar war nur spärlich besucht, dem Anlass entsprechend floss der Champagner und sie unterhielten sich ausgelassen. Er vergaß seine politischen Reden, fühlte sich wieder in die Zeit von damals zurückversetzt. In die Oberstufe. Und sie schwelgten gemeinsam in den alten Tagen: Wie sie an der Wahl zur Schülervertretung teilgenommen hatten, um einen Tag statt Unterricht Wahlkampf betreiben zu können. Wie sie ihren knappen Sieg ausgiebig im SV-Raum gefeiert hatten, dort schließlich einschliefen und am nächsten Morgen vom Schulleiter in einem beispiellosen Chaos aus leeren Bierflaschen, überall verstreuten Chips, Erbrochenem in der Ecke, Lachen aus Wodka-RedBull und einem komplett auseinandergenommenen Regal geweckt wurden. Und die Wahl daraufhin wiederholt werden musste und sie nicht mehr antreten durften. Eine seiner wenigen Jugendsünden, auf die er aber auch ein klein wenig stolz war.

 

Der Abend war bezaubernd, er gab ihm seine Jugend zurück und alles hätte so schön sein können. Bis sie ihm gestand, dass sie schon immer in ihn verknallt gewesen war. Damit brachte sie etwas ins Rollen, denn angeturnt vom Alkohol und wahrscheinlich noch mehr von der Freiheit, er selbst sein zu dürfen, bekannte auch er sich zu seinen damaligen Gefühlen ihr gegenüber. Und es war tatsächlich so, hätte er sich seinerzeit mit einer anderen Karriere beschäftigt, dann wäre Cora bestimmt kompatibel gewesen, er hätte sie gewiss nicht von der Bettkante geschubst und vielleicht sogar näher an sich herangelassen. Aber als Politiker sollte man die weiße Weste so lange wie möglich jungfräulich halten, bis man in der entsprechenden Position angekommen ist, um sie ausnutzen zu können. Und dann Dinge nachzuholen.

 

Was sie an dem Abend dann auch taten. Natürlich war ein Zimmer frei und natürlich konnten sie beide nicht widerstehen. Sie war wild, er war wild und im Rausch der Vergangenheit und des Alkohols der Gegenwart vögelten sie, als ob sie noch 19 Jahre alt wären und ihnen die Welt offen stünde. Als ob die Welt in Ordnung wäre. Wovon sie tatsächlich weit entfernt war. Denn jetzt lagen neben dem Foto seiner Familie unmissverständliche Fotos jener Nacht, in eindeutig zweideutigen Positionen, die sich nicht wegdiskutieren ließen und auch mit Schmiergeld nicht mehr zu vertuschen waren. Sie wurden nämlich nicht nur ihm zugesandt, was auf eine astreine, aber irgendwie regelbare Erpressung herausgelaufen wäre. Die Fotos wurden auch der lokalen und sogar der überregionalen Presse zugespielt, die dieses gefundene Fressen sofort in entsprechenden Artikeln verarbeiteten und für seinen ersten und wohl auch letzten Skandal sorgten.

 

Das Image des Saubermanns, welches er sich mühselig aufgebaut hatte, das von Treue und Familie als den ethischen Grundpfeilern des Lebens predigte, wurde einem überholten Denkmal gleich zerstört und eingestampft. „Endlich!“ meinte eine Stimme in ihm, eine, die er vor langer Zeit tief in sich vergraben zu haben glaubte. Eine Stimme, die mit seinem Gewissen paktierte und jetzt höhnisch sowie siegessicher lauter wurde. Die vielleicht sogar mit den Zungen seiner Eltern sprach, aber da war er sich nicht so sicher. Eine andere Stimme gab ein „Nicht so!“ von sich. Sie bedauerte, Cora in die ganze Geschichte mit hineingezogen zu haben. Seine Schulschwärmerei, die sich nichts ahnend mit ihm getroffen hatte und jetzt in der Zeitung das Treffen dokumentiert bekam. Auch in ihrer Position konnte sie sich eigentlich so eine Öffentlichkeit nicht leisten.

 

Er hätte sich nicht mit ihr treffen sollen, soviel stand fest. Nicht zum jetzigen Zeitpunkt, nicht im Wahlkampf, wenn die hiesige Pressen ihm nachspionierte. Er war unvorsichtig gewesen und hatte so zwei Karrieren aufs Spiel gesetzt.

 

Schon den ganzen Vormittag wollte er sich bei ihr dafür entschuldigen, wollte mit ihr darüber reden. Aber sie hatte ihr Handy ausgestellt und so musste das wohl oder übel warten.

 

Natürlich stand mit diesem Seitensprung sein ganzes Leben auf der Kippe. Die politische Karriere war passé und bis er sich um ein weiteres, wie auch immer geartetes berufliches Dasein kümmern würde, würde er sich erst einmal eine Auszeit nehmen. Seine Frau sah über dieses Scharmützel hinweg, so wie sie auch die Praktikantinnen immer ignorierte. Seine Kinder würden wohl etwas Spott in der Schule ertragen müssen, aber sie waren vernünftig und wohl erzogen und mit einem erklärenden Gespräch würden auch sie sich zufrieden geben. Nur Cora konnte er nicht einschätzen. Was würde sich für sie dadurch verändern?

 

Er musste jetzt gehen. Die Presse wartete und wollte letztlich doch nur das bestätigt bekommen, was sie eh schon als Überschrift formuliert hatte. Vorher noch einen kurzen Abstecher zu seinem Konkurrenten, diesem ehrlichen Jungpolitiker, der vielleicht auch irgendwann einmal in so eine Situation geraten wird, wenn die Aufmerksamkeit und vielleicht auch der Ehrgeiz nachlässt und der eine Fehler, der eigentlich nie passieren darf, doch eintritt. Bis dahin soll er den Saubermann spielen, Glückwunsch dazu, am Anfang war ich auch noch so authentisch und anständig, er hatte es verdient, sein Nachfolger zu werden. Noch so unverdorben und rein.

 

Trotz der bevorstehenden Demission fühlte er sich plötzlich gut. Und wenn er tief in sich hineinschaute, konnte er auch entdecken, woran das lag: Es war vorbei! Nie mehr Lügen, nie mehr manipulieren, jedenfalls nicht mehr aus Machterhalt heraus. Fast schon beschwingt schlenderte er den Gang entlang, ergriff schwungvoll den Türknauf, öffnete die Tür des Gegners – und ein Wort entwich erstaunt und fast ungehört seinen Lippen:

 

„Cora!?“


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