Die zweite Chance

Ich starre auf die Uhr. Es ist 11.37 Uhr. Noch sechs Stunden, dann ist auch dieser Jahrestag, diese Art Fluch endlich vorbei. Dieser Tisch mit seiner Bank hier zieht mich nun schon seit 30 Jahren magisch an. Ich muss hier sitzen, an unserem Platz, an unserem Jahrestag. Ja, unser Platz. Wo ist dieses „uns“ hin? Und wo ist alles, was ich damit an Positivem verbunden habe? Ich habe keine Ahnung. Heute vor 30 Jahren saß ich hier, strotzend vor Jugend, voller Lebenslust, Tatendrang und Energie. Ich wartete auf meinen Zug zurück, kam von einem Vorstellungsgespräch, blätterte vergnügt in meiner Reiselektüre und war in freudiger Erwartung meiner Gulaschsuppe. Es ging mir gut, ich war zufrieden, eins mit der Welt. Das Gespräch verlief erfolgreich, meine Unsicherheit verflog sehr schnell und ich war in der Lage, ein positives, dynamisches Bild von mir zu zeichnen. Ich hatte mich gut verkauft. Und das wollte ich hier festlich begehen. Zwar mit mir alleine, aber das genügte mir. Auch diese damals noch nicht ganz so heruntergekommene Spelunke konnte mein Glücksgefühl nicht verdrängen. Vor mir ein kühles Blondes, ein erheiternder Artikel und die Aussicht auf eine kleine feine Zwischenmahlzeit – was braucht man mehr? Genügsam war ich, das will ich meinen. Genügsam, lächelnd und froh.

 

Da schwang die Tür auf und Du betratst mein Leben. Mit Dir hielt die Sonne Einzug in das Lokal, die Sonne ging zum zweiten Mal an jenem Tag auf. Die Blicke folgten Dir, Dein Einzug vollzog sich wie in Zeitlupe, ein Triumphzug in Trance. Die Männer froren in ihrer Tätigkeit ein, Bissen blieben ungeschluckt, Schlücke ungetrunken, Münder aufgesperrt, Sätze unbeendet. Auch die anwesenden Frauen konnten sich dieser Wirkung nicht entziehen, auch wenn sich in ihren Blick Eifersucht, Geringschätzigkeit und Neid mischten. Selbst die alte Uhr schien für einen Moment das Ticken vergessen zu haben und den Moment zu genießen. Es lag Magie in der Luft, solche Situationen passieren nicht allzu oft im Leben und es sind die Momente, von denen man im Nachhinein nicht weiß, ob sie wirklich so wunderbar passierten oder ob sie einem nur im Traum erschienen sind. Ich war jedenfalls hellwach und verfolgte Deinen Gang. Wie Du Schritt für Schritt, Dir Deiner Wirkung durchaus bewusst, die Theke ansteuertest. Den ganzen Raum mit Deiner Erscheinung erfüllend, die ganze Szenerie und vor allem die männlichen Kneipenbesucher taxierend. Du wusstest ganz genau, was Du wolltest, und ich Idiot hab das nicht geblickt. Du wolltest raus aus dieser Stadt, raus aus Deinem Leben, einen Neuanfang starten. Aber Du warst zu feige, das allein durchzuziehen und hast Dir hier einen geeigneten Partner gesucht. Dieser Partner war ich, allerdings nur am Anfang. Immer mehr wurde ich zum Opfer und hab auch das nicht gemerkt.

 

11.43 Uhr. Die Uhr war damals schon da, und es hat etwas von Melancholie, wenn ich dabei zusehen kann, wie sie von Jahr zu Jahr vergilbter wird. Der Lauf der Zeit in einem vollendeten Symbol. Sonst hat sich einiges geändert hier. Modernisierung nennt man das wohl. Gemütlicher wurde es nicht unbedingt dabei, da hab ich mich früher wohler gefühlt. Die alten, schweren Brauereilichter sind mittlerweile durch Halogenleuchter ersetzt, anstelle der JukeBox leuchten, blinken und tuten einem jetzt Spielautomaten entgegen. Die Tresenhocker haben heutzutage keine Lehne mehr und überhaupt ist das Sitzen mit den Jahren immer ungemütlicher geworden. Immerhin steht die Luft nicht mehr so im Raum, ein Verdienst der Lüftungsanlage, die den alten Ventilator im Fenster schon längst ersetzt hat. Andere Zeiten, andere Leute, die gleichen Gefühle und immer dieselbe Erinnerung. Du hattest Deinen Platz an der Theke gefunden, Dir einen Barhocker geschnappt und Dich betont lasziv hingesetzt. Der erste, der aus seiner Trance erwachte, war der Wirt, der Dich sogleich fragte, was es denn sein dürfe. Du hast nicht gleich geantwortet, sondern Deine schwarze Handtasche geöffnet, eine Zigarette samt schwarz-goldener Zigarettenspitze hervorgeholt und den Wirt erwartungsvoll und herausfordernd zugleich angeschaut. Doch der Herr zwei Barhocker weiter war schneller und hatte bereits sein silbern glänzendes Feuerzeug gezückt. Mit einem Seitenblick und einem kaum merklichen Nicken sprachst Du Deinen Dank aus, drehtest Dich um, blicktest in eine gaffende Runde und bestelltest beiläufig einen Kaffee. In meinem Gesicht hatte sich wohl ein Grinsen eingebrannt, das noch von meinem erfolgreichen Vormittag zeugte. Ich denke, ich strahlte diese Zufriedenheit auch aus, die ich in mir fühlte und mit den Jahren glaube ich dahinter gekommen zu sein, dass genau diese Ausstrahlung einen Mann attraktiv macht. In dem Moment war ich also die beste Partie im Raum, ein gefundenes Fressen für Dich.

 

Eigentlich kann ich dir ja gar keinen Vorwurf machen. Ich mag mich nicht mehr genau an alle Gestalten erinnern, die da rumlungerten, aber es waren zweifellos Männer zugegen, die mehr nach Geld aussahen als ich. Aber sie hatten anscheinend nicht dieses glückliche Leuchten, diese Zufriedenheit nach einem gesegneten Vormittag, mit dem ich hier rumsaß. Und es wirft doch ein positives Licht auf Dich, dass Du Dich mir an den Hals geschmissen hast und nicht diesen anderen Raffgierigen. Denn als Dein Blick im Lokal umherging und auf mir liegen blieb, war es nicht nur vollends um mich geschehen, mir war auch klar, dass mein Leben von nun an in anderen Bahnen verlaufen würde. Du hattest Deinen Kaffee gar nicht mehr abgewartet – warum auch, der Wirt würde ihn Dir bis nach Alaska hinterher tragen. Du zogst genüsslich und verführerisch an Deiner Zigarette, bist vom Hocker gerutscht und in meine Richtung stolziert. Unsere Blicke trafen sich und ließen sich nicht mehr los. Immer langsamer sah ich mein Unheil auf mich zukommen, es hatte etwas endgültiges und auch etwas altvertrautes, wie eine Szene aus einem Hollywood-Film. Du hast Dir erst gar nicht die Mühe gemacht zu fragen, ob an meinem Tisch noch was frei wäre, sondern Dich einfach hingesetzt. Unsere Augen fixierten einander noch immer, der übrige Raum trat zurück, wurde unwichtig. Du warst so nahe, zum Anfassen, doch wir taten erst einmal gar nichts. Unbewusst ließ ich Dich Deine Zigarette zu Ende rauchen, irgendwer (wahrscheinlich ich) hatte Dir den Aschenbecher hingerückt und irgendwer (wahrscheinlich der Wirt) hatte Dir Deinen Kaffee hingestellt. Als Du fertig mit der Kippe warst, fing einer von uns, ich weiß echt nicht mehr genau wer, zu reden an. Die Bilder davon sind freundlich wirr, fließen harmonisch ineinander über, überlappen sich, spielen miteinander und immer, wenn ich daran denke, durchflutet mich ein warmes Gefühl. Es kommt mir vor wie ein Knäuel warmer Lichtstrahlen. Wir erzählten uns unser Leben im Schnelldurchlauf, ohne jedoch Details auszulassen. Wir lachten, weinten, diskutierten, waren ineinander vertieft, alles andere war nebensächlich. Selbst die Gulaschsuppe wurde von mir nur wenig beachtet und geradezu beiläufig geschlürft. Die alte Uhr flüsterte uns von Zeit zu Zeit etwas zu, es klang nach „Zug nicht verpassen“ und „nach Hause fahren“. Es war noch nie so einfach, etwas derartiges zu ignorieren.

 

Draußen wurde es dunkler, wir verstanden uns immer besser, der Alltag um uns herum schien sich nicht mehr um meine hübsche Begleiterin geschweige denn um mich zu kümmern. Wir saßen in unserer Oase, in unserer Enklave und besiegelten nebenbei unsere Zukunft. Immer wieder habe ich mir die Frage gestellt, ob Du da schon wusstest, wo das alles enden wird. Ob Du von Anfang an einen Plan hattest und ich nur ein Mittel zum Zweck war. Es ist ja nicht so, dass wir keine schönen Jahre miteinander hatten. Wir liebten uns wild, an den verschiedensten Orten, zu den verschiedensten Zeiten, in den unterschiedlichsten Stellungen mit den verrücktesten Orgasmen. Wir wollten einander und hatten einander, wenn es so etwas wie Glück gibt, dann durften wir das ein paar Jahre genießen. Immerhin ein paar Jahre, manche Menschen finden ihre Liebe nie, ich durfte sie immerhin ein paar Jahre schmecken, mich daran festhalten und daran ergötzen. Die Gefühle waren stark, manchmal unglaublich, aber immer faszinierend intensiv. Und was passierte dann? Ich bin nicht in der Lage, den Knick auszumachen. Er war auf einmal passiert. Die Gefühle waren immer noch da, aber sie fühlten sich anders an. Emotionen der Freude kämpften mit Heerscharen von Aggression, Wut und Verletzung. Kein Blitzkrieg, eher eine Belagerung mit erbitterten Grabengefechten. Schließlich gewann die Aggression die Überhand und wir mussten uns dem geschlagen geben. Du verschwandest aus meinem Leben und hinterließt einen gebrochenen Mann. Die besten Jahre hab ich Dir geschenkt, und nicht nur das. Meine Liebe bewies ich nicht nur körperlich, ich überhäufte Dich mit allerlei dessen, was als materielle Liebesbeweise in unsere Biografie eingehen sollte: Geld, Haus, Auto, was man eben so anhäuft in einem Leben. Alles weg. Mit Dir. Nach all den Jahren. Ungerecht. Verbittert. Voller Zorn. Meine Brust bebt und mein Herz möchte raus und den Schmerz wegbrüllen.

 

Meine Gulaschsuppe kommt. Natürlich nicht von selbst, ein neuer Wirt serviert sie mir und wünscht mir einen guten Appetit. Die alte Uhr zeigt fünf vor zwölf, so als ob sie mich nachträglich warnen wollte. Zu spät, meine Gute, aber trotzdem Danke. Ich genieße meine Suppe, sie schmeckt nach Maggi, aber ich würde den Geschmack auch vermissen, wenn er nicht da wäre. Ich verweile einige Sekunden mit meinem Blick auf der Uhr, bevor ich kauend weiter sinniere. Mittlerweile hatte ich natürlich meinen Zug verpasst. Das war mir aber egal. Ich wusste, dass die Zukunft vor mir sitzt, in jungen Jahren dauert die Zukunft noch nicht wirklich lange. In jungen Jahren ist das aber egal. Irgendwann schwiegen wir plötzlich, so als ob wir beide wussten, dass jetzt eine Entscheidung ansteht. Wir schauten uns an, schauten in unsere Seele und Du fragtest mich: „Darf ich mitkommen?“ und damit war alles besiegelt. Von da an begingen wir unseren Lebensweg gemeinsam.

 

Darf ich mitkommen. Drei Wörter, zu einer Frage zusammengefasst, die ein ganzes Leben verändern können. Drei Wörter, die verheißungsvoll klangen und von mir wie eine komplette Symphonie aufgenommen wurden. Meine ganz persönliche Symphonie. Komponiert von dieser wunderschönen Frau. Die mir alles gegeben hat. Nur um es mir dann auch wieder wegzunehmen. Die mich geküsst, getreten, geliebt, verspottet, umarmt, abgestoßen hat, in der ich lesen konnte wie in einem offenen Buch, bis sie ein Buch mit sieben Siegeln wurde. Die ganze Palette durch. Ein paar schöne Jahre für ein trostloses Leben danach. Und immer wieder die gleichen Fragen. Hat es sich gelohnt? Würde ich es wieder machen? Und immer wieder das gleiche resignierte, aber bestimmte NEIN. Ein Nein, in dem sich Enttäuschung, Verlust und ein ganzes Leben der Aufarbeitung breit machen. Wäre ich noch einmal in der Situation, ich würde definitiv anders handeln. Ich habe meine Lektion gelernt, kann die Liebe mittlerweile einschätzen, dieses Gefühl als kurzzeitig und letztlich schmerzvoll entlarven. Ich würde mich nicht mehr blenden lassen; wenn es für etwas gut war, dann dass ich daraus gelernt habe.

 

12.05 Uhr. Es ist anstrengend, so tief in der Vergangenheit zu wühlen. Aber es ist es mir wert, diesen Ort jährlich seit 30 Jahren aufzusuchen. Eigentlich hätte man mir zuliebe schon mal eine Art Gedenktafel aufstellen können. „Gehörnter und ausgenommener Ehemann ist hier an diesem Ort unter die Räder gekommen. In Gedenken an alle Männer, denen es ähnlich erging, soll diese Tafel als Mahnmal für eheliche Treue und eheliches Vertrauen auf ewig hier hängen.“ Ich weiß nicht, ob es mich damals davon abgehalten hätte, Dir ein Ja auf Deine Frage entgegenzuhauchen. Heute würde dieses Ja sicherlich nicht über meine Lippen kommen. Ich würde Dir ein schallendes Nein entgegenschmettern. Ich gähne und strecke mich. Langsam werde ich müde. Die letzten Nächte waren anstrengend und diese Auseinandersetzung mit Vergangenem ist es auch. Ich verspüre Sehnsucht, nicht nur nach meinem Leben, sondern auch nach einer kleinen Mütze voll Schlaf. Es wird sicher nicht auffallen, wenn ich mal kurz die Augen schließe und mich entspanne. An diesem Ort hier entspannen, dass das überhaupt möglich zu sein scheint. Noch ein kurzer Blick auf die Uhr: 12.08 Uhr, ja das haut hin . . .

 

Ich schlage meine Augen auf. Wo bin ich? Was für ein Tag ist heute? Was wird hier gespielt? Meine Verschwommenheit konkretisiert sich und ich versuche, die unglaubliche Situation zu erfassen: Ich sitze Dir gegenüber und höre mich reden. Ich unterhalte mich mit Dir. Aber wie kann das sein? Eben noch wollte ich mich kurz entspannen und im nächsten Moment bist Du hier. Du bist wunderschön und hast das gleiche Kleid wie vor 30 Jahren an. Ich lausche Deiner Stimme und alles kommt mir irgendwie vertraut vor. Dieser Geruch aus früherer Zeit, ein Oldie aus der JukeBox gerät an mein Ohr. Der alte Wirt poliert ein Glas und wirft uns einen gedankenverlorenen Blick zu. Die Tresenhocker haben Lehnen, das Licht kommt von düsteren und schweren, großen Lichtern, auf denen ein Brauereiname angebracht ist. Und plötzlich schweigen wir beide. Ich widme mich wieder vollkommen Dir, wir schauen uns an und ich kann in Deine Seele sehen. Deine Lippen formen die Frage: „Darf ich mitkommen?“, ich überlege kurz, doch die Antwort ist schnell gefunden und ich antworte Dir . . .


Zu diesem Eintrag