Lebensformel

Kapitel 1
25.04.1998

Wir feierten ausgelassen. Die Anspannung der letzten Wochen schwand. Mit jedem Schluck Bier ein wenig mehr. Die Prüfungen lagen hinter uns, am Vormittag saßen wir alle noch grübelnd über einigen Testbögen und versuchten das abzurufen, was wir uns in unser Gedächtnis eingepaukt hatten. Und jetzt lagen wir uns in den Armen, lachten, scherzten und stimmten sogar Lieder an. Wir alle merkten, dass uns dieses gesellige Beisammensein schon lange gefehlt hatte. Wir dürsteten danach. Fast so, als müssten wir das Feiern neu erlernen. Aber wir konnten es noch. Wir konnten jetzt witzeln und feixen. Uns über Professor Huber lustig machen. Der immer dann, wenn er lachen musste, in ein hektisches Niesen verfiel. Welches er dann unterdrücken wollte, was es aber nur verschlimmerte. Oder Professor Anzenberger, der eine offensichtliche Schwäche für junge Schwarzhaarige hatte und ins Stottern geriet, wann immer er mit einer sprechen musste. All diese Eigenarten und Besonderheiten erheiterten uns an diesem Abend. Waren Anlass zum Ausgelassensein. Zur nächsten Anekdote, eine Geschichte ergab die nächste. Wir redeten uns das Semester weg. Schafften Platz für neue Erfahrungen, die wir uns dann sehr wahrscheinlich am Ende des nächsten Semesters erzählen würden. Wahrscheinlich wieder hier, wahrscheinlich wieder in dieser Runde. Vielleicht mit der ein oder anderen Umbesetzung, aber richtig viel würde sich wohl nicht ändern. Unser Leben verlief in geregelten und vorhersehbaren Bahnen. Strukturiert und geplant. Vorgegeben durch die Studienordnung, die wenig Raum für den Blick über den Tellerrand ließ. Wenn man mal das Rad unseres Lebens anhalten würde, nur für einen Moment innehalten würde. Dann hätten wir vielleicht bemerkt, dass man uns zu Fachpersonal ausbildete. Uns auf einen vorgezeichneten Weg ohne Abzweigungen setzte und den „Go“-Knopf drückte. Und wir ohne großartig zu fragen geradeaus auf das Ziel zusteuerten. Auf dem Weg noch ein paar neuen Freunden und im Bestfall der Liebe unseres Lebens begegneten. Oder uns die Hörner abstießen. Erfahrungen sammelten. Um dann endgültig in das Leben entlassen zu werden.

Wagner war eine dieser Umbesetzungen. Er stieß aus der Masse der unsicheren Erstsemester heraus, die im letzten Semester mit dem Studium begonnen hatten. Ein wacher Blick, ein selbstsicheres Auftreten und immer die richtigen Fragen. Nicht laut, aber bestimmt. Aufgeweckt. Interessiert. Intelligent. Und dann war da noch etwas. Etwas, das man nicht beschreiben konnte. Etwas an seiner Art. Etwas, dass man auch erst auf den zweiten oder dritten Blick wahrnahm. Etwas Unheimliches. Unemotionales. Eine Distanz, die vielleicht normal war, wenn man sich noch nicht so gut kannte. Die mit der Zeit aufweichen und einer Freundschaft weichen würde. Aber bei Wagner blieb sie irgendwie bestehen, egal wie nahe man sich kam. Er ließ niemanden wirklich an sich heran, Und nahm sich umgekehrt aber auch nicht heraus, jemand anderem näher kommen zu wollen. So war er auf einmal da, gehörte zu unserer Clique und damit war auch das Geheimnisvolle an ihm akzeptiert. Und wenn man feierte, spielte das sowieso keine Rolle.

Nach den Anekdoten über unsere Professoren und vor allem nachdem Pichler seine berühmt-berüchtigten Parodien zum Besten gegeben hatte, erspannen wir unsere persönlichen Zukünfte. Natürlich schlummerte in uns allen ein potenzieller Nobelpreis-Gewinner, wir alle beanspruchten Ruhm und Anerkennung für unsere langfristigen Lebenspläne. Damit einhergehend natürlich auch finanzielle Unabhängigkeit und Wohlstand, was vor allem von denjenigen formuliert wurde, die von Hause aus nicht mit Derartigem gesegnet waren. Und so schwelgten wir in rosigen Zeiten, dichteten uns Doktor- und Professorentitel gegenseitig an und malten uns in allerlei Phantasien aus, wie unser Leben in 10, 20 oder 30 Jahren aussehen könnte. Eine Spielerei, gerade gut genug für einen feucht-fröhlichen Abend wie den heutigen. Natürlich schwang eine gewisse Absicht mit, aber nicht genug, um unserem geäußerten Größenwahn Ernsthaftigkeit zu verleihen. Bis Wagner an der Reihe war.

Er stand auf, nahm Haltung an, so gut es ihm in seinem Zustand noch möglich war, und verkündete: „Ich werde nichts weniger als die Lebensformel herausfinden. Das, was allen Menschen gleich ist, was uns ausmacht, was aus uns Menschen macht!“

Schneider, eine sehr angriffslustige Person und vor allem mit Wagner sehr gerne im Clinch, stieg sofort darauf ein: „Wie meinst Du das? Willst Du errechnen, wie Gott entstanden ist? Oder den Urknall in eine Formel packen?“

Wagner ließ sich nicht beirren. Er schaute Schneider tief in die Augen, fast ein wenig zu tief. Dann wiederholte er seine Vision: „Ich werde herausfinden, was wir alle gemeinsam haben. Egal ob am Nordpol oder in der Sahara. Warum wir uns so verhalten, wie wir uns verhalten. Zum Beispiel warum Du mich jetzt provozieren musst . . .“

„Da sind die Verhaltensforscher und auch die Psychologen aber schon weiter!“, konterte Schneider.

„Ja, aber sie können Verhalten nur erklären, wenn es aufgetreten ist. Können Wahrscheinlichkeiten aufstellen, welches Verhalten an den Tag gelegt werden könnte und spekulieren, warum das so ist. Aber ich, ich werde voraussagen können anhand einer mathematischen Formel, ganz exakt, wann und warum jemand ist wie er ist. Ob zufrieden, aggressiv, faul oder sonstwie!“

Schneider dachte nach. Suchte nach einem Punkt, an dem sie einhaken könnte. Nach einem nächsten Argument, das sie Wagner entgegnen könnte. Aber sie konnte auf die Schnelle keins finden. Ich nutzte die kurze Pause, erhob mein Glas und brachte einen Trinkspruch aus: „Auf Wagner und seinen tollkühnen Plan!“ Wir prosteten uns alle zu und weiter ging es in der Runde. Wagner aber schaute mich an. Starrte mich regelrecht an. Und prostete mir noch einmal persönlich zu.

Später, als sich die Runde langsam aufzulösen begann, saß er plötzlich neben mir und suchte das Gespräch: „Du glaubst mir, dass ich diese Formel finden werde?“, lautete seine Einstiegsfrage.

„Ich glaube Dir, dass Du es versuchen wirst!“, antwortete ich.

„Und glaubst Du, dass ich es schaffen werde?“

„Ich bezweifele, dass eine solche Formel existiert. Ich glaube, dass wir einige Gemeinsamkeiten haben. Körpertemperatur, die überlebenswichtigen Bedürfnisse wie Atmen, Trinken, Essen und Ausscheiden. Anerkennung, Liebe. Und vielleicht noch ein paar mehr. Aber abgesehen davon sind wir Individuen, die sich nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen!“

„Und was wäre, wenn doch? Was wäre, wenn wir diese Individualität berechnen könnten? Überlege mal, was das für Möglichkeiten wären! Was das Militär, die Werbung oder die Pharmaindustrie damit anfangen könnte!“

„Ich selbst wollte nicht errechenbar sein. Und ich wollte schon gar nicht, dass das für derartige Zwecke missbraucht werden würde. Ich will in Freiheit leben, in meinen eigenen Entscheidungen, mit einigen Unbekannten im Leben, die für mich das Leben erst lebenswert machen!“

„Aber stell Dir vor, was damit alles möglich wäre!“

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diese Möglichkeiten mir erst gar nicht vorstellen mag. Wie willst Du das eigentlich herausfinden?“

„Mit Versuchen natürlich!“

„An Menschen?“

„Wenn es sein muss? Und ich glaube, es muss sein!“

Ich schüttelte mit dem Kopf. Da war wieder dieses Unheimliche. Und heute sogar ausgesprochen. Mir war diese Art der Unterhaltung unangenehm. Ich hatte doch einiges getrunken und war nicht mehr so in der Lage zu argumentieren, wie ich das im nüchternen Zustand gewesen wäre. Und ich hielt das alles für einen großen Scherz von Wagner, der im alkoholisierten Zustand etwas mehr Gewicht bekam, sich realistischer anhörte, als er ihn eigentlich meinte.

„Wie wäre es mit einer Wette?“

„Eine Wette? Worüber?“

„Dass ich diese Formel vor Dir herausfinde!“

„Wie kommst Du darauf, das ich auch danach suchen wollte?“

„Ich sehe es Dir an, dass Dich diese Idee auch anfixt.“

„Wagner, lass es gut sein, ich glaube, das letzte Bier ist Dir zu Kopf gestiegen . . .“

„Dann wetten wir eben, dass ich es schaffe. Und Du bestreitest das!“

Würde er endlich Ruhe geben, wenn ich auf seinen idiotischen Vorschlag einginge? Ich sah keinen anderen Ausweg aus dieser Situation.

„Also gut, dann lass uns wetten, wenn Dir unbedingt danach ist!“

Wagner lächelte. Rieb sich die Hände. Wischte sie dann an seiner Hose ab und streckte mir seine rechte Hand entgegen.

„Warte! Wir brauchen noch einen Wetteinsatz! Keine Wette ohne Einsatz!“

„Was willst Du? Geld?“

„Nein, viel besser. Sollte ich es schaffen, dann wirst Du das Vorwort meiner Publikation dazu verfassen. Mich in den höchsten Tönen loben und Dich an diesen Abend erinnern, als Du das erste Mal von diesem Plan gehört hast!“

„Und wenn ich gewinne?“

„Dann werde ich umgekehrt Deine Weitsicht bereits in jungen Jahren sowie Deinen klaren Blick selbst in Situationen wie diesen lobend in einem Artikel herausstellen!“

Was konnte ich dabei schon verlieren? Eigentlich nichts. Keins von beiden würde wahrscheinlich jemals passieren. Ich nahm also seine immer noch ausgestreckte Hand und schlug ein. Er ließ sie nicht wieder los, denn er ergänzte noch: „Du wirst von mir jedes Jahr eine Postkarte am heutigen Datum erhalten, auf der ich Dich über meine Fortschritte unterrichte!“

„Langt da nicht eine Mail?“

„Nein, eine Mail ist zu gewöhnlich für eine solche Wette. Einverstanden?“

„Einverstanden!“

Damit ließ er los. Wagner strahlte wie ein Honigkuchenpferd. Schneider kam und brachte uns noch einen Birnenschnaps vorbei. Wagner lehnte dankend ab und empfahl sich. Ich aber blieb noch und versackte in dieser ausgelassenen Nacht bis zum Morgengrauen.

Kapitel 2
21.03.2016

Wie lange war sie schon hier unten eingesperrt? Wieso unten? Sie ging einfach davon aus, dass es ein Keller war. So kalt der Boden. So leer der Raum. Der Abfluss inmitten des Bodens. Die Beschaffenheit des Bodens, kein Teppich, kein Laminat oder irgendein anderer Belag außer Beton. Keine Tapete an der Wand. Nur rauher Putz. Und wieso sie? Das wollte ihr nicht in den Kopf. Was hatte sie, was jemand anderes hätte haben wollen? Um ein Lösegeld konnte es nicht gehen. Dafür hatte ihre Familie zu wenig Kohle auf der Bank. Und weit und breit kein reicher Verwandter in Sicht, der dafür hätte aufkommen können. Sie kannte CSI, Criminal Minds und diese ganzen Serien und war sich ziemlich sicher, dass ihr in diesem Raum oder einem anderen nebenan Gewalt widerfahren werden würde. Gewalt und wahrscheinlich der Tod. Sie war selbst über die Nüchernheit dieser Erkenntnis überrascht. Aber das war die einzige logische Erklärung. Irgendein Massenmörder und wahrscheinlich auch noch Vergewaltiger hatte sie entführt und würde schon bald die grässlichsten Dinge mit ihr anstellen. Sie verfiel bei diesen Gedanken in keine Panik. Sie war eher froh darüber, dass sie für sich schon eine Erklärung gefunden hatte. Natürlich gefiel ihr die letzte Konsequenz darin nicht, aber was sollte sie schon tun? Es gab kein Licht, keinen Kontakt nach draußen, sie hatte die ganze Wand bereits abgesucht. Da war außer der Tür, die aber auch keinen Spalt Licht preisgab, und einem darüber in die Wand eingelassenen Ventilator, der sie mit Frischluft versorgte, nichts zu finden. In der Tür war wohl eine Klappe eingelassen wie in alten Gefängnisfilmen, durch die wahrscheinlich Essen und Trinken gereicht werden konnte. Aber bislang wurde sie noch nicht geöffnet. Bei diesen Gedanken merkte sie, dass sie Hunger hatte. Aber noch mehr Durst. Sie benetzte sich die Lippen und stellte sich eine eiskalte Flasche Frucade vor. Obwohl sie gar keine Frucade mochte. Aber jetzt, hier in ihrem dunklen Loch, würde sie diese Brause genießen. Zumindest zu anfangs. Um sie dann hastig hinunterzuschütten.

Die Decke hatte sie noch nicht abgetastet. Sie vermutete dort eine karge Glühbirne, die sie nicht durch ihr Tasten zerstören wollte. Oder irgendein anders Licht. Und den Schalter draußen vor der Tür. Draußen vor der Tür. Dort wartete so einiges auf sie. Sollte sie es sich ausmalen oder auf sie zukommen lassen? Was würde ihr das Leid erträglicher gestalten? Letztlich nichts. Sie hielt die Luft an. Legte ein Ohr an die Tür. Aber zu hören war auch nichts. Sie tastete sich ab. Noch alle Klamotten da. Und wohl auch noch unversehrt. Wie war sie noch einmal hierher gekommen? Was war die letzte Erinnerung, die sie noch abrufen konnte vor dieser feuchten Dunkelheit? Die Verabredung. Das Restaurant. Das Warten. Sich umschauen. Aber niemand kam. Dann wurde es dunkel dort. Und sie wachte in dieser Dunkelheit hier auf. Ohne Kopfschmerzen. Ohne körperliche Beeinträchtigung. Ohne Erinnerung. Dafür mit ganz vielen Fragen. Rufen brachte nichts. Wo kein Fenster geschweige denn Licht da auch kein Zuhörer. Trotzdem fing sie an, leicht an die Tür zu klopfen. Vielleicht gab es noch andere Gefangene. Die das hören konnten. Helfen würden sie zwar auch nicht können, aber wenigstens wäre sie nicht alleine. Was das genau ändern sollte, wusste sie auch nicht. Dennoch hatte der Gedanke etwas tröstliches. Sie stoppte mit dem Klopfen. Lauschte. Aber die Dunkelheit gab keine anderen Geräusche preis. Außer ihrem pochenden Herz. Und ihrem aufgeregten Atmen. So gefasst sie ihre Gedanken ordnen konnte, ihr Körper verriet, dass sie insgeheim schon aufgewühlt war. Unsicher. Und ängstlich. Was sie sich selbst nicht zugestehen wollte. Das wäre schwach. Und auch wenn ihre Situation recht hilflos schien, so wollte sie eins nicht sein: Schwach. Diesen Erfolg wollte sie ihrem Entführer nicht gönnen. Und noch hatte sie den Mut zur Stärke. Der würde wahrscheinlich schwinden, je länger sie hier eingesperrt wäre. Vor allem unter diesen Bedingungen. Aber noch war sie nicht so weit. Noch hatte die Kämpferin in ihr Oberwasser. Und konnte die Angst in Zaum halten.

Dabei hatte alles so vielversprechend begonnen. Die Mails. Das Vertrauen. Die Komplimente. Sie fühlten sich ehrlich an und schmeichelten ihr. Dann die Fahrt nach Wien. Endlich Wien. Die Großstadt. Die Menschen. Autos. Der Lärm. Alles so neu. Aufregend. Und das vorläufige Ende ihres Ausflugs. Hier. In der Dunkelheit.

„Hallo?“

Sie konnte nicht anders und musste sich doch lautstark bemerkbar machen. Ihr Ruf blieb unbeantwortet. Noch nicht einmal ein Widerhall. Ihr Gefängnis konnte nicht besonders groß sein. Sie könnte es ausmessen. Doch was sollte das bringen? Sie probierte es noch einmal. Etwas lauter.

„Hallo?!!“

Nichts. Sie sank zu Boden. Unfähig zu denken. Dabei war das doch eines der wenigen Dinge, die ihr noch blieben. Vielleicht doch einfach warten? Bis etwas passierte? Bis sie Orientierung bekam? Von woher auch immer. Von wem auch immer.

Kapitel 3
23.03.2016

Sie konnte es nicht einordnen. Theresa war doch sonst nicht so. War doch sonst ein folgsames Dirndl. Zwar etwas neugierig und aufgeweckt, was andere als kritisch oder aufmüpfig interpretieren konnten. Aber im Grunde wusste sie, wohin sie gehörte. Wo ihr Platz war. Deshalb sah es ihr gar nicht ähnlich, einfach abzuhauen. Nichts Derartiges hatte sich angedeutet. Sie hatte nicht das Gespräch mit ihr gesucht, was doch sonst ihre Art war. „Probleme bespreche ich mit meiner Kommissarin!“, sagte sie dann immer. Nahm sie in den Arm. Kuschelte sich regelrecht in sie hinein. Und schüttete ihr Herz aus. Aber nichts davon passierte in den letzten Wochen. Oder ließ darauf schließen. Theresa bereitete sich auf ihre Prüfungen vor, lernte viel und machte ansonsten einen zufriedenen Eindruck. Vielleicht sogar ein Stück weit aufgeräumter als sonst. Weil sie auf ein Ziel hinarbeitete. Endlich mit der Schule fertig sein. Endlich ins Leben entlassen werden. Auch wenn das Leben wahrscheinlich Studieren bedeutete und damit wieder mit Plänen, Zwängen, Lernen und ToDos verbunden war. Aber alles war besser als Schule. Erwachsener. Jugend war einfach vorbei. Der neue Lebensabschnitt wurde von ihr herbeigesehnt.

Umso mysteriöser die ganzen Umstände. Warum jetzt diesen Pfad verlassen? So kurz vor dem Ziel? Und vor allem wofür? Was konnte so einen großen Reiz ausüben, dass sie dafür alles stehen und liegen ließ? Sie hatte nicht viel mitgenommen. Eine kleine Tasche. Noch nicht einmal ihre Lieblingstasche. Mit Wäsche vielleicht für zwei Tage darin. Alle Bücher standen noch an ihrem Platz. Ebenso ihr Laptop. Den sie ansonsten nur ungerne alleine ließ. Und auf Reisen schon gar nicht. Dort war ihr Tagebuch enthalten. Dort zeichnete sie ihre Erlebnisse auf. Was hatte es also zu bedeuten, dass sie ihre üblichen Utensilien zurückließ? Sie wollte sich diese Fragen nicht selbst beantworten. Wäre sie im Dienst, würde sie diese Fragen den Angehörigen stellen. Und ihre professionellen Schlüsse daraus ziehen. Ein Zufall konnte es nicht sein, dann wäre noch nicht einmal eine kleine Tasche weg. Also war es geplant. Aber eben anders als sonst. Anders motiviert. Unter anderen Voraussetzungen. Und diese konnte sie sich nicht vorstellen. Oder wollte sie das nicht? Sie hatte schon öfters an diesem Punkt gestanden. Allerdings auf der anderen Seite. Hatte versucht, als Kommissarin sich einen Reim auf das zu machen, was die Angehörigen ihr als Geschichten auftischten. Untersuchungen angestellt. Kombiniert. Beweise gesammelt. Verhöre geführt. Aus einer Distanz heraus. Emotional unbeteiligt. Und sie hatte es nicht für möglich gehalten, dass sie diese Distanz bei einer persönlichen Betroffenheit nicht würde aufbauen können. Dass ihr Innenleben dann das reinste Chaos wäre. Weil sie sich Sorgen machte. Angst hatte. Theresa. Ihre Theresa. Sie war schon wieder in diesen Gedankenstrudel hineingeraten. Schüttelte sich, um wieder nüchtern zu werden. Volltrunken an negativen Gedanken. Das konnte sie gar nicht gebrauchen. Gerade jetzt musste sie doch funktionieren. Gerade jetzt zählte es. Und gerade jetzt war das so schwierig wie noch nie.

Theresas Mutter war gefasst, als sie bei ihr anrief. Nicht panisch, noch nicht einmal allzu sehr besorgt. Sie wollte ihre Meinung als Profi hören. Ab wann würde man einen Menschen für vermisst erklären? Da sie nicht genau wusste, worum es ging, antwortete sie einsilbig und informativ. Aber etwas in der Stimme am anderen Ende der Leitung verriet ihr, dass das nicht einfach nur eine Interessen-Frage war. Dass da mehr dahinter steckte. Vielleicht war es auch nur die Berufskrankheit Neugier, die sie fragen ließ, ob denn alles in Ordnung sei. Da brach Theresas Mutter zusammen. Emotional wie immer. Das war genau das, was Theresa an ihrer Mutter hasste. Und sie fragte sich immer, ob ihre Rationalität der geeignete Gegenentwurf dazu sei. Theresa würde das vehement bejahen. Sie selbst würde ihr raten, nach Grauzonen Ausschau zu halten. Aber egal, sie rückte mit der Wahrheit heraus. Dass Theresa verschwunden sei. Und ab da war es auch einigermaßen vorbei mit ihrer Rationalität. Natürlich gelang es ihr, äußerlich ruhig zu bleiben. Die abgeklärte Polizistin zu spielen. Denn was würde passieren, wenn sie jetzt auch noch die Nerven verlieren würde? Aber innerlich arbeitete es. Blitzschnell durchlief sie sämtliche Telefonate, jegliche Begegnungen mit Theresa der letzten Wochen. Ob ihr da irgendetwas aufgefallen wäre. Ob sie irgendeiner Bemerkung nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Aber so oft sie die Szenen auch durchspielte, sie konnte nichts entdecken.

Auch Statistiken halfen nichts. Dass es aussichtslos sei nach soundsoviel Stunden. Dass die Täter hauptsächlich männlich und aus dem direkten Familienumfeld stammten. Und im Durchschnitt wie alt waren? Diese und andere Fakten wollten ihr nicht mehr einfallen. Waren auch unbedeutend. Denn es ging um Theresa. Die verschwunden war. Sie wollte sich gar nicht erst ausmalen in welche Hände sie geraten sein könnte. Denn tief in ihr drin regte sich die Hoffnung. Dass sich alles in Wohlgefallen auflösen würde. Dass nichts Ernsthaftes passiert sei. Und sie war erschrocken über diese Gedanken. Normalerweise lösten diese Gedanken, wenn sie von Familienangehörigen ausgesprochen wurden, bei ihr Brechreiz aus. Wie kann man nur so verbohrt sein und die offensichtliche Wahrheit nicht sehen!? Wenn da nichts Ernsthaftes dahinter stünde, wäre die Vermisste schon längst wieder da. Zurück. Im Alltag. Und nun ertappte sie sich selbst dabei, wie sie derartige Durchhalteparolen zuließ. Insgeheim hoffte sie, dass sie diese Erfahrung wieder vergessen würde. Denn wenn nicht, sah sie ihre Arbeit als Kommissarin ernsthaft gefährdet. Da hatte Emotionalität wenig verloren. Empathie sicherlich, hier und da geschickt und wohl dosiert eingesetzt. Aber Gefühle? Und Hoffnung? Nein, das war nicht ihr Ding. Aber es wurde gerade zu ihrem Ding. Jeden Tag etwas mehr. Beinahe jede Stunde merklich mehr. Und sie war sich nicht sicher, was sie damit anstellen sollte. Zulassen? Ignorieren? In einer ihrer zahlreichen Fortbildungen hatte sie einmal gelernt, dass man sich die Wut zu eigen machen sollte. Dass man sie kanalisieren und produktiv nutzen könnte. Aber da war nicht die Rede von Hoffnung gewesen. Und schon gar nicht von Verzweiflung. Obwohl sie davon noch ein gutes Stück entfernt war. Theresa war ja erst vier Tage verschollen. Erst. Schon. Verdammt, wo war sie?


DAS PROJEKT